Start Reiseberichte England/Cornwall
23 | 02 | 2018
England/Cornwall PDF
Ein Rundflug in Cornwall (April 2014)

Ostern fuhren wir nach England. Kein typisches Urlaubsziel für diese Jahreszeit, aber wir hatten private Gründe bzw. wollten Freunde besuchen. Wie bei jeder Auslandstour hielt ich auch diesmal Ausschau nach einer Gelegenheit, Flugerfahrungen im Ausland zu sammeln. Auf unserer Fahrt die englische Südküste entlang passierten wir zwar einige größere Städte mit Flughäfen – etwa Southampton und Exeter – aber keine kleineren Plätze, die ich bevorzugte. Solch einen Platz fanden wir schließlich in der Nähe von Penzance nahe Lands End, dem äußersten Südwestzipfel Englands.

Da ich mich erinnerte, dass einmal Vereinskollegen auf die Scilly-Inseln geflogen waren, die gerade einmal 25 nm vor Lands End lagen, schien mir das ein attraktives Ziel zu sein, doch zuerst musste ich einmal ein Flugzeug auftreiben. Ich betrat also den Flugplatz, fand aber nicht, wie erhofft, einen Fliegerclub oder eine Flugschule vor, sondern „nur“ eine kleine Fluggesellschaft, die vor allem Shuttleflüge zu den Scillys anbot, ähnlich den Inselfliegern, darüber hinaus auch Rundflüge, aber fliegen wollte ich ja selbst.

Der nette Mitarbeiter dieser Fluggesellschaft wusste aber anderen Rat: In Perranporth, etwas weiter nördlich, müsste das möglich sein, und er schrieb mir, nach kurzer Suche im Internet, die Telefonnummer des dortigen Platzes auf. An diesem Tag war der Himmel ohnehin ziemlich bewölkt, und bis nach Perranporth würden wir an diesem Tag ohnehin nicht mehr kommen, da wir in St. Ives übernachten wollten. Am nächsten Morgen fuhren wir von dort los und erreichten auch bald den Platz von Perranporth, der zwar nicht auf unserer – sehr genauen – Cornwallkarte verzeichnet war, den ich aber über das Internet lokalisiert hatte. Da wir ohnehin dort vorbeifuhren, hatte ich darauf verzichtet, vorher anzurufen und fuhr direkt zum Platz.

Es handelte sich offensichtlich um einen alten Militärplatz, angesichts der Größe bzw. Länge der Landebahnen, was mir später auch bestätigt wurde, genauer war es eine Basis für Spitfire, die allerdings nur während des 2. Weltkrieges bestand und später in einen Zivilplatz umgewidmet worden war.

Eine echte Spitfire hatte ich zuvor im Luftfahrtmuseum in Southampton besichtigen können. Das Museum liegt ziemlich unspektakulär am Rand des alten Hafengeländes. Es wurde seinerzeit praktisch um eine alte Short Sandringham herumgebaut, besser bekannt als Short Sunderland, ein großes Flugboot aus dem 2. Weltkrieg. Diese „Shorts“ – mit 26 m Länge nicht gerade „short“, und mit 34 m Spannweite und 10 m Höhe insgesamt nicht gerade klein – wurden nach dem Krieg oft noch zivil umgerüstet und bevorzugt natürlich in Gegenden eingesetzt, wo statt Landepisten reichlich Wasser zur Verfügung stand; die Southamptoner Short operierte von Australien aus in der Südsee ... Im Museum findet man noch viele Hinweise auf die vor allem während des Krieges umfangreiche  Flugzeugindustrie, die sich um Southampton herum befunden hatte, und, und, auf jeden Fall einen Abstecher wert.

Nun wieder nach Perranporth: Ich begab mich gleich zum Tower, in dessen Grundgeschoss auch eine Flugschule angesiedelt war, was ja schon einmal gut war. Oben im Tower saß ein netter Controller, der die zwei, drei SEPs bediente, die sich gerade offensichtlich im Platzrundenverkehr befanden. Ich trug ihm meinen Wunsch vor, von hier aus ein Flugzeug zu chartern und ein bisschen in der Gegend herumzufliegen. Schon möglich, sagte er, aber heute ist schon alles besetzt – er zeigte auf die in der Luft befindlichen Flugzeuge bzw. auf eine vor im liegende Liste – es sei denn ... nun schaute er einen Kollegen an, der neben ihm im Tower stand und gerade einen Becher Kaffee aus einer Thermoskanne trank ... es sei denn,  Du nimmst auch mit einem Motorsegler Vorlieb, Dave hier, und er nickte zu dem anderen Mann, hat so einen !

David, der Angesprochene, stellte sich vor, David C. Clouder, was für ein Name für einen Segelflieger, er gehörte auch zum lokalen Fliegerclub, ja, er könne gerne mit seinem Motorsegler mit mir die gewünschte „Runde“ drehen. Kein Problem mit dem MoSe, ich sagte sofort zu, ich hatte ja schon vor zweieinhalb Jahren in Spanien mehrere nette Runden mit so einem Teil gedreht. Nun musste ich aber erst einmal meine Familie versorgen. Da der MoSe nur zwei Plätze hatte, konnte leider keines der Kinder mitfliegen, aber die Alternative, zum nahegelegenen Strand gebracht zu werden, war für sie auch akzeptabel. Ich fuhr die anderen also zum Perranporth-Beach hinunter, während Dave inzwischen begann, die „Maschine“ klarzumachen.

Als ich nach einer Viertelstunde zurückkam, hatte er den Hangar, in der der MoSe stand, schon einmal aufgeschlossen. Das Hauptproblem war, das Teil erst mal aus dem Hangar herauszubekommen – bei 18 m Spannweite (C-172 und PA-28 haben gerade mal 11, die Cirrus knapp 12 m, bzw. etwa die Hälfte der o.g. Short Sandringham) kein leichtes Unterfangen. Da das Teil allerdings recht leicht war, lernte ich eine neue Form des Hallenrangierens kennen: das „Hauptfahrwerk“ – bestehend aus einem Rad gefühlt vom Format eines Schubkarrenreifens (ok, hier übertreibe ich) – wurde auf ein Gestell mit Rollen gehievt und dann schräg zwischen anderen dort geparkten Flugzeugen herausgezogen.

 
  
 
Dave mit seiner Ogar (wo ist denn eigentlich der Motor ?) 
 
  
Nun stand die ganze Pracht auf dem vor der Halle verlaufenden Taxiway, und Dave drehte sie gleich mit dem Heck auf das angrenzende Gras, sonst wäre hier während des Checkens erst mal kein anderer vorbeigekommen. Ok, da war nun der Segler, aber wo war der Motor ? Erst auf den zweiten Blick sah man, dass der Prop nicht vorne dranwar, sondern, als Druckpropeller, hinter der Kabine. Dave stellte mir den Motor vor. Das sah doch verflixt nochmal aus wie ein – genau, wie ein VW-Boxer ! In der Tat handelte es sich um einen 1600er VW-Motor, Dave berichtete, dass ein Teil dieser Maschinen mit solchen Motoren ausgerüstet worden seien. Soweit ich mich an meine alten Käfer-&-Co-Tage erinnerte, hatten die Dinger maximal 54 PS. Dave beruhigte mich, dieser Motor war irgendwie „getunt“ und wies sagenhafte „sixtysomething horsepower“ auf. Hm, aber irgendwie machte Dave einen vertrauenerweckenden Eindruck, und ich wollte heute, bei diesem tollen Wetter, schließlich fliegen.
 
  
 
im etwas beengten Cockpit – das kleine grüne Instrument rechts ist die Com ! 
 
  
Dave machte also seinen Rundgang, und wechselte noch kurz ein paar Worte mit dem Piloten einer 152er, die gerade von einem Rundflug zurückgekommen war, um zu erfahren, wie die Bedingungen in unserem Gebiet gerade waren. Schließlich nahmen wir in halbliegender Position Platz, und der Motor konnte gestartet werden. Na ja, klang ganz annehmbar, und wir hoppelten zur Tanke – nicht, dass der Taxiway so holperig gewesen wäre, aber die langen biegsamen Tragflächen schwangen bei jeder kleinen Unebenheit ziemlich mit und versetzten so das ganze Flugzeug in Schwingungen. Interessanterweise berührten die beiden Ausleger unter den Wingtips gar nicht den Boden, auch nicht beim Startlauf oder bei der Landung, irgendwie balancierte sich das Ding auf dem Zentralrad von selbst.

Wir rollten zur 05, der mit gut 900 m längsten Bahn des Platzes, die sich parallel zur links steil abfallenden Küste verlief (ein etwas beruhigenderes Gefühl als etwa die ebenfalls verfügbare 27, die kurz vor den Klippen endet ...), und schon ging es los, die Kiste rollte erwartungsgemäß etwas langsam an, hob aber dafür dann überraschend schnell ab, weil sie eben kaum etwas wog – diese Erfahrung hatte ich seinerzeit schon mit dem „Falken“-MoSe in Spanien gemacht, der, bei deutlich wärmeren Temperaturen, ebenfalls zügig hochging, trotz seiner „nur“ 100 Rotax-PS – damals erschienen mir 100 PS wenig, heute hätte ich mir so eine „Leistung“ gewünscht ..

 
  
 
Suchbild: wo sind wir ? 
 
  
Kaum waren wir in der Luft, ermunterte mich Dave, gleich nach links über die Steilküste abzudrehen, was ich instinktiv erst einmal nicht gemacht hätte.  Doch, gerade, meinte er, dort holen wir uns nämlich den Booster für unseren schwachen Motor. An der nach Westen weisenden Küste wehte nämlich meist ein kräftiger Westwind, der an der Steilküste nach oben ausgelenkt wurde und für ordentlich Auftrieb sorgte. So benutzten wir also erst einmal den „Küstenfahrstuhl“, und mit nur einer Threesixty waren wir schon stolze 1000 Fuß hoch über dem Plateau. Nun überflogen wir den Strand bei Perranporth, und ich grüßte die Meinigen mit dem üblichen Manöver (was diese auch bemerkten, siehe Foto). Nun aber ging es Richtung Landesinnere bzw. auf die Südküste zu. Dave hatte von seinen Kumpels erfahren, dass der eigentlich von mir anvisierte Südwestzipfel bzw. Lands End etwas bewölkt war – soviel konnte man schon von hier aus erkennen – vor allem aber, dass dort ziemlich wechselhafte Winde wehten. An einen Flug mit diesem Gerät zu den Scillys war heute erst Recht nicht zu denken. Aber es gab ja Alternativen.
 
  

 
beim Kurven über Truro 
 
  
Nachdem wir Truro überflogen hatten, meinte Dave: so, nun kannst Du mal ausprobieren, wie ein Segelflugzeug funktioniert. Das Ding mit Motor zu fliegen, hatte ich ja schnell heraus, ein bisschen gewöhnungsbedürftig war allenfalls, dass vor jeder Benutzung der Querruder vorher ein bisschen Seitenruder gegeben werden musste, weil das Flugzeug sonst wegschob. Dave zeigte nun auf zwei aufeinander zulaufende Wolkenbänke und meinte: flieg da mal hin. Kaum waren wir unter diesen Wolken angekommen, merkte ich schon einen deutlichen Auftrieb, ähnlich dem, den ich zuvor an der Steilküste erlebt hatte. Dave erklärte mir, dass durch die Lage von Lands End an dieser Stelle oft zwei Winde aufeinandertreffen würden, einer von Süden über die Kanalküste kommend und der besagte Westwind, und gemeinsam für ordentlich Aufwind sorgten, ein idealer Platz für Segelflieger. Dave schaltete den Motor aus und sagte: keine Sorge, Du wirst sehen. Stelle die Fahrt einfach auf 45-50 kn ein (zuvor waren wir mit etwa 65 kn IAS geflogen) und mache Kurven. In welche Richtung, fragte ich ? Das ist egal, sagte er. Also drehte ich nach links, um in Flugrichtung besser sehen zu können – haben die Segelflieger eigentlich eine bevorzugte Drehrichtung, oder wechseln sie diese etwa, um auf Dauer keinen Drehwurm zu bekommen ? Auf jeden Fall ging das wunderbar, und wir schraubten uns, inzwischen zwischen den Wolken, in den Himmel. Hörst Du das, fragte er ? Ich hörte nichts außer dem Sausen des Windes. Genau ! sagte er, ist das nicht wundervoll, diese Stille, kein Motorlärm ?
 
  
   
im Anflug auf die Falmouth Bay
 
  
Nachdem wir also ein bisschen den Adler gespielt hatten, sollte es weitergehen. Dave bekreuzigte sich kurz und startete den Motor wieder – sicher ist sicher – und es ging wieder mit Motorschub weiter. Nun kam auch schon die Südküste in Sicht, und wir überflogen wunderschöne Buchten und Orte, vor allem die große Bucht bei Falmouth, wobei insbesondere das auf einer Landzunge liegende Castle beeindruckend war (ein Luftbild, das auch viele Reiseführer ziert). Wir flogen schließlich nach Nordwesten, Richtung St. Ives, um an der Küste wieder Richtung Perranporth abzudrehen. An der Küste überflogen wir einen Platz, der unserem Startplatz durch seine Lage nahe der Klippen und mehrere dreiecksförmig angelegte Bahnen recht ähnlich sah, was ich bemerkte. Richtig, sagte Dave, das ist Porthreat, ein noch aktiver Militärplatz, und manchmal landen dort Leute, die eigentlich zu uns wollen, das aber verwechseln. Die kriegen dann ziemlich Ärger ! (Porthreat wäre gegenüber Perranporth an einer großen grünen Radarkuppel zu unterscheiden, falls jemand dort mal unterwegs wäre ...) Den Funk machte übrigens Dave, was sicher auch besser war in diesem für mich unbekannten Gebiet, mit noch einem weiteren, großen Militärplatz Culdrose in der Nähe.
 
  
 
Falmouth Castle
 
  
Eine letzte Runde über dem Strand, erneut mit Flächengruß an die Lieben, und wir setzten in einer langen Linkskurve wieder auf der 05 zur Landung an. Zurück am Boden fragte ich Dave, was ich ihm geben solle. Och, sagte er, 20 Pfund für Dich und 20 für mich, gib mir einfach 20 Pfund. ich gab ihm natürlich 40, was vermutlich immer noch nicht seine Kosten deckte, aber immerhin hatte er ja auch ein bisschen Spaß an unserem Trip gehabt. Nun ging es wieder im Tiefflug weiter, auf der M5 nach Bristol ... Insgesamt hatten wir in dieser Vor-Osterwoche traumhaftes Wetter und viele schöne Erlebnisse – Südengland ist eine Reise wert ! Im Frühjahr möchte ich noch mal nach England, diesmal mit einem von unseren Fliegern – ich werde berichten ...
 
  
 
Reiner
 
  
Quellen:

Ogar-MoSe in der Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/PZL_Bielsko_SZD-45
Perranporth-Airfield EGTP: http://en.wikipedia.org/wiki/Perranporth_Airfield
Perranporth Flying Club: http://www.perranporthflyingclub.co.uk
Solent Sky Museum Southampton: http://www.solentskymuseum.org

 
  
 
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