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23 | 02 | 2018
Alpenflug Pisa > Bielefeld

Alpenflug von Pisa nach Bielefeld mit einer PA-28
 
Im dritten Anlauf hatte es endlich geklappt: Noch im Urlaub hatte ich die Mail bekommen: „Ich will im August wieder die Alpen von Süd nach Nord überfliegen, machst Du mit ?“ Ein Freund, der einen Anteil an einer in Norddeutschland stationierten PA-28 Arrow hat, war schon die letzten beiden Jahre mit seiner Maschine in der Toskana gewesen und hatte mir angeboten, jeweils den Rückflug mit ihm zusammen zu unternehmen. Aber beide Male war es aus organisatorischen Gründen nicht dazu gekommen. Nun aber ! Für die vorgesehene Woche war über mehrere Tage überwiegend gutes, stabiles Wetter vorhergesagt worden, und so buchte ich am Samstag vor dem Flug ein one-way-Ticket mit TuiFly von Köln nach Pisa (150 €; mit RyanAir von Hahn aus wäre es vermutlich billiger gewesen, aber dort muss man erst mal hinkommen). 
Der geplante Flugtag sollte ein Donnerstag sein, glücklicherweise hatte ich noch Urlaub und konnte bereits am Dienstag runterfliegen. Der Hinflug fand bei erstklassigem Wetter statt, und ich konnte mich beim Alpenüberflug südwärts schon ein bisschen auf die Berge einstimmen. 
Am Vorabend des Fluges hatten wir, natürlich, eine intensive Flugplanung vorgenommen. Da mein Freund die Strecke, schon mehrfach geflogen war, hatten wir erste Anhaltspunkte. Außer den Jeppesen-Karten Italien-Mitte (LI-2), Italien-Nord (LI-1) und der Schweiz (LS) setzten wir auch noch den Flight-Planner ein, der vor allem bei der Wegführung über die Alpen eine nützliche Hilfe war, da er, je nach markierter Route, das darunter liegende Höhenprofil anzeigte und so die Modellierung eines Weges mit möglichst wenig Gipfelhöhe erleichterte. Zu guter Letzt wurde noch via Internet (http://www.dfs-ais.de/) der Flugplan aufgegeben. 

Wir starteten um 8.30 local, überflogen kleinere Hügel und erreichten die Mittelmeerküste. An der Küste flogen wir entlang bis La Spezia, links das Meer, rechts die eindrucksvollen Apuanischen Alpen mit ihren Marmorsteinbrüchen. Hinter La Spezia flogen wir landeinwärts, auf NNO-Kurs, und überflogen einen Pass, über den sich auch die Autobahn La Spezia – Parma windet. Von Anfang an hatten wir Kontakt mit verschiedenen Infofrequenzen, zuerst Pisa Approach, dann Firenze Radar, nun, bei Erreichen der Poebene, mit Milano Info 124.92. Anfangs war die Verständigung technisch nicht sehr gut, vermutlich wegen der noch geringen Höhe entlang der Küste, später wurde es merklich besser. Der Fluglotse von Firenze hörte unseren angegebenen Flugweg an und wiederholte daraufhin jeden einzelnen Bestandteil: „Please confirm, that you filed a flight plan. ... that you ... usw“.
 
Nach dem Apennin erreichten wir die Po-Ebene, den Po überflogen wir bei Piacenza, inzwischen in einer Höhe von 2000 ft AMSL, Die Sicht wurde hier zwar etwas diesiger, war aber sicher noch um 10 km. Wir passierten den Delta-Luftraum von Milano-Linate auf der östlichen Seite, bzw. flogen auf einem schmalen Streifen zwischen Milano und einem zweiten Delta-Luftraum, Bergamo, hindurch. Plötzlich tauchten, steil aus der Ebene aufragend, die ersten Alpenberge vor uns auf, bereits ein mächtiger Anblick trotz ihrer „nur“ ca. 5500 ft AMSL, aber eben „von unten“, von unseren noch mickrigen 2000 ft – und wir mussten ja noch auf ca. 12.000 ft hinauf ! Ich muss gestehen, das war schon ein etwas beklemmender Eindruck. 
Diese Berge, vor dem Comer See gelegen, kurvten wir in Schlangenlinien über die vorgelagerten Anhöhen hinauf, bis wir diese erste Hürde überwunden hatten (alternativ hätte man auch kreisen können, aber so war es etwas eleganter und brachte „Strecke“). Unter uns lag nun der schöne Comer See, dessen Westseite wir überflogen. Hinter einem weiteren Rücken jenseits des Sees, etwa 6-7000 ft hoch, wir selbst waren inzwischen bereits auf etwa 8000 ft, tauchte unter uns die Gotthardautobahn auf, die wir nun als Leitschiene nehmen wollten. 
Da wir inzwischen auch den Schweizer Luftraum erreicht hatten, gab uns Milano Info an Zürich Info 124.70 weiter. Ich übernahm ab hier den Funkverkehr, den in Italien überwiegend noch mein Freund in einer Mischung aus Englisch und ein paar eingestreuten Brocken Italienisch abgewickelt hatte. Ich entschloss mich, mit Zürich auf deutsch zu kommunizieren, aufgrund des doch etwas erhöhten Schwierigkeitsgrades, worüber man sicherlich diskutieren kann – eigentlich müsste auch die englische Konversation jederzeit „sitzen“. 
Wir folgten nun weiter der Gotthardautobahn, die hinter Lodrino einen leichten Westknick machte. Als wir aus der Poebene erstmals die Alpen erblickt hatten, waren diese noch nahezu wolkenlos gewesen. In der halben Stunde seitdem hatten sich über den Gipfeln verbreitet Cumulus gebildet, etwa 4/8, die zwar noch ausreichend Bodensicht zuließen, für eine allein auf Sicht ausgerichtete Navigation problematisch gewesen wären. Wenn man diese Bergprofile nicht gut kennt, und sie noch dazu aus einer ungewohnten Perspektive sieht, muss man schon genau aufpassen. Aber wir hatten ja das GPS (leider habe ich in diesen Minuten das VOR nicht verfolgt, um zu wissen, wie man damit hätte navigieren können). Unser nächster „terrestrischer“ Wegpunkt, der Flugplatz Ambri neben der Gotthardautobahn, den man immer von der Autobahn aus sieht, war jedenfalls nicht direkt zu erblicken. 
Als die Autobahn schließlich im Gotthardtunnel verschwand, drehten wir auf Nordkurs und flogen etwas westlich des Gotthardpasses über den Oberalppass, in einer Gipfelhöhe von fast 12.000 ft. Die Maschine war bis zu dieser Höhe dank Einspritzmotor kontinuierlich und ohne erkennbare Mühe geklettert. Eine physische Beeinträchtigung war trotz der Höhe nicht zu spüren, ich kontrollierte meinen Puls – auch nicht beschleunigt. In dieser Höhe flogen wir in gut 1000 ft über die benachbarten Gipfel, wobei wir uns zusätzlich an Taleinschnitten orientierten und folglich noch etwas „Seitenreserve“ für Ausgleichsmanöver hatten – wobei ein Fallwind in die „falsche“ Richtung diese Sicherheitsreserve vermutlich rasch aufzehren kann. Bevor man gar in Alpentäler einfliegt, braucht man sicher eine bessere Schulung, Erfahrung und Vorbereitung ! 
     Tyrrhenische Küste
     Rauf auf den Appenin
     In der Poebene bei Mailand
     Malpensa
     Matterhorn
     Saas Fee Tal

     Die Bilder stammen zum Teil von einem vorhergehenden Flug
Nachdem wir etwa eine Viertelstunde in dieser einsamen Höhe nach Norden geflogen waren, tauchte plötzlich hinter einem Kamm der Südschenkel des Vierwaldstättersees auf. Geschafft, der Alpenhauptkamm war überwunden, wir konnten wieder in den Sinkflug gehen. Gleichzeitig meldete sich auch Zürich Info und ordnete Sinken auf 9000 ft an. An dieser Stelle muss man übrigens aufpassen: hier folgen zwei CTRs, Buochs und Emmen, kurz hintereinander, mit jeweils breiten An- und Abflugschneisen. Der Schweizer Luftraum in den Hochalpen ist überhaupt etwas unübersichtlich, allein die „unruhige“ Topographie, dann eine Reihe von ungewöhnlich angeordneten ED-R-Lufträumen, usw. 
Nachdem wir die Alpen überwunden hatten, war der Flug über das Voralpenland unkompliziert, im  Hintergrund konnte man schon den Schwarzwald erkennen, auf dessen linke Flanke wir nun zuhielten. Wir flogen hier nicht die Direttissima, da diese in 5000 ft über den Belchen geführt und uns dahinter zu einem steilen Anflug auf Freiburg gezwungen hätte – stattdessen umkurvten wir diese Flanke in gemächlichem Sinkflug. Vorher hatten wir beim Überfliegen der Grenze Zürich Info gefragt, ob wir uns nach Langen Info 128.95 abmelden könnten, aber Zürich sagte „bleiben Sie bei mir !“ Nun kamen nacheinander der Rhein, Basel, Lörrach und auch Freiburg in Sicht. Nun endlich wollten wir uns von Zürich abmelden, aber die Verbindung kam, wegen des nun dazwischen liegenden Schwarzwaldes, nicht mehr zustande. Der nordöstlich liegende Platz war rasch ausgemacht, und um ca. 11.15 local landeten wir in Freiburg EDTF. Bis hierher hatten wir gut 2 1/2 Stunden gebraucht. Tanken, kurzer Snack, und weiter gings. 
Von Freiburg bis Karlsruhe, weiterhin in schönsten Sichtverhältnissen, flogen wir auf einer Linie zwischen Rhein und Schwarzwald, immer schön die diversen Delta-Lufträume von Lahr und Karlsruhe / Baden-Baden im Blick. Hinter Karlsruhe wechselten wir nach „linksrheinisch“ und flogen gemütlich auf Mainz-Finthen zu. Bei Mainz machten wir einen kleinen westlichen Schlenker um den Frankfurter Luftraum, der Rest, auf etwa Nordkurs, durch das hessische und westfälische Bergland, war Formsache. Zwei Stunden nach dem Start in Freiburg landeten wir in Bielefeld, von wo aus mein Freund weiter nach Bremen flog. 
Fazit: Eine Alpenüberquerung ist bei gutem Wetter kein Problem, sollte aber sehr gut vorbereitet sein. Etwas Alpenflugerfahrung (Fliegen in großer Höhe, das richtige Leanen, Luv- und Lee-Effekte, Wahl der richtigen Talseite, Wetterwechsel bei Überfliegen des Hauptkammes) ist eine günstige Vorbedingung. Mehr als sonst sollten z.B. Alternativrouten und Ausweichplätze im Blick sein. Vielleicht auch etwas Disziplin beim Gepäck, um die Steigleistung nicht unnötig zu beschränken. Wir hatten das Glück, überall optimale Wetterbedingungen zu haben, was bei den Alpen nicht oft gegeben ist – entweder herrscht Nord- oder Südstau, oder die Berge selbst sind in Wolken. Wenn alles „stimmt“ – ich wäre wieder dabei. 
Reinhard Bornemann 
 
 
 
 
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